Mandelmilch unter der Lupe: Was in den Flaschen wirklich steckt
Mandelmilch hat sich in den vergangenen Jahren vom Nischenprodukt zum Supermarkthit entwickelt. Die Regale quillen über mit unterschiedlichsten Varianten des pflanzlichen Drinks, und die Verpackungen versprechen dabei oft wahre Wunder: „100% natürlich“, „reich an Vitaminen“, „die gesunde Alternative“ oder „aus besten Mandeln“. Doch hinter diesen verlockenden Aussagen verbirgt sich oft eine Realität, die deutlich nüchterner ausfällt als die glänzende Marketingfassade vermuten lässt.
Was steckt wirklich in gekaufter Mandelmilch?
Die meisten Konsumenten gehen davon aus, dass ein Produkt mit der Bezeichnung „Mandelmilch“ hauptsächlich aus Mandeln besteht. Den Hauptbestandteil bildet jedoch Wasser, gefolgt von verschiedenen Zusatzstoffen. Tatsächlich wird industrieller Mandelmilch das Grundprodukt aus gemahlenen und gefilterten Mandeln mit gefiltertem Wasser verdünnt und anschließend mit weiteren Zutaten versetzt.
Diese Tatsache steht in deutlichem Kontrast zu den Gesundheitsversprechen, die viele Hersteller kommunizieren. Die positiven Eigenschaften der Mandel – ihr Gehalt an Vitamin E, gesunden Fetten, Magnesium und Ballaststoffen – kommen beim fertigen Produkt nur eingeschränkt zum Tragen, da das ursprüngliche Mandelmus stark verdünnt wird.
Das Märchen von der Natürlichkeit
Besonders kritisch wird es bei der Werbeaussage „natürlich“. Dieser Begriff ist rechtlich kaum geschützt und wird von der Industrie großzügig interpretiert. Was natürlich klingt, enthält in der Praxis häufig eine Liste von Zusatzstoffen: Stabilisatoren und Verdickungsmittel sorgen für die cremige Konsistenz, und weitere Zutaten verlängern die Haltbarkeit. Von einem simplen Getränk aus Mandeln und Wasser kann hier keine Rede mehr sein.
Bei der industriellen Herstellung wird das pflanzliche Getränk mit Speiseölen homogenisiert und mit verschiedenen Zutaten vermischt. Einige Produkte enthalten zudem Aromen – selbst wenn diese als „natürliche Aromen“ deklariert sind. Diese Bezeichnung bedeutet lediglich, dass die Aromen aus natürlichen Rohstoffen gewonnen wurden, nicht aber, dass sie aus Mandeln stammen müssen.
Die Vitamin-Falle: Anreicherung statt natürlicher Gehalt
Viele Verpackungen prahlen mit Aussagen wie „reich an Vitamin D“, „Kalziumquelle“ oder „mit Vitamin B12“. Was auf den ersten Blick nach einem nährstoffreichen Lebensmittel aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als künstliche Anreicherung. Diese Vitamine und Mineralstoffe stammen nicht aus den Mandeln selbst, sondern werden dem Produkt nachträglich zugesetzt.
Bei der industriellen Produktion werden zu der gefilterten Mandelmilch raffinierter Zucker, Vanilleextrakt sowie verschiedene Vitamine und Mineralien hinzugefügt. Die Werbung suggeriert jedoch oft, dass die Mandelmilch von Natur aus diese Nährstoffe enthält, was schlicht nicht der Fall ist. Wer seinen Vitaminbedarf decken möchte, fährt mit einer ausgewogenen Ernährung aus vollwertigen Lebensmitteln meist besser als mit angereicherten Ersatzprodukten.
Der versteckte Zucker in der „gesunden Alternative“
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Zuckergehalt vieler Produkte. Während die Verpackung mit Begriffen wie „gesund“ oder „wholesome“ wirbt, wird industriell hergestellter Mandelmilch häufig raffinierter Zucker zugesetzt. Besonders tückisch: Der Zucker versteckt sich oft hinter verschiedenen Bezeichnungen wie Reissirup, Agavendicksaft oder Rohrzucker.
Diese klingen zwar natürlicher als „Zucker“, für den Körper macht es jedoch kaum einen Unterschied. Glukose bleibt Glukose, egal aus welcher Quelle sie stammt. Die Bezeichnung „ungesüßt“ sollte daher beim Kauf genau beachtet werden – nur diese Varianten kommen tatsächlich ohne zugesetzten Zucker aus.
Vergleich mit Kuhmilch: Ein anderes Produkt, nicht automatisch besser
Die Werbung positioniert Mandelmilch gerne als „bessere Alternative“ zu tierischer Milch. Doch dieser Vergleich hinkt in vielerlei Hinsicht. Während Kuhmilch von Natur aus protein- und kalziumreich ist, bietet unangereicherte Mandelmilch deutlich weniger dieser Nährstoffe.

Mandelmilch punktet zwar mit weniger gesättigten Fettsäuren und ist laktosefrei, was für Menschen mit Unverträglichkeiten ein klarer Vorteil ist. Als pauschale „gesündere Alternative“ für die breite Masse lässt sie sich jedoch nicht bezeichnen. Es handelt sich schlicht um ein anderes Produkt mit anderen Nährwerten – nicht automatisch um ein besseres.
Worauf Verbraucher beim Kauf achten sollten
Um nicht in die Marketingfalle zu tappen, lohnt sich ein kritischer Blick beim Einkauf. Die Zutatenliste sollte so kurz wie möglich sein, und die Reihenfolge der Zutaten verrät bereits viel über die tatsächliche Zusammensetzung. Zuckerzusätze verstecken sich oft hinter Begriffen wie Reissirup oder Agavendicksaft, weshalb ungesüßte Varianten die bessere Wahl sind.
Produkte mit wenigen oder keinen Stabilisatoren, Emulgatoren und Verdickungsmitteln sind vorzuziehen. Werbeclaims wie „natürlich“ oder „reich an Vitaminen“ klingen verlockend, basieren aber häufig auf Marketingtricks ohne echte Substanz. Die Nährwerttabelle liefert die objektiven Fakten zu Protein-, Fett- und Zuckergehalt und sollte vor dem Kauf genau studiert werden.
Die rechtliche Grauzone bei Werbeversprechen
Die Lebensmittelinformationsverordnung und die Health-Claims-Verordnung sollen Verbraucher vor irreführender Werbung schützen. Dennoch nutzen Hersteller geschickt die Spielräume, die diese Regelungen lassen. Allgemeine, nicht konkret gesundheitsbezogene Aussagen wie „natürlich“ oder „wholesome“ fallen nicht unter die strenge Health-Claims-Verordnung und können daher relativ frei verwendet werden.
Bilder von frischen Mandeln auf der Verpackung, die Verwendung von Begriffen wie „Mandelmilch“ und geschickt formulierte Werbeaussagen erzeugen einen Gesamteindruck, der mit der Produktrealität oft wenig zu tun hat. Hier ist der mündige Verbraucher gefordert, zwischen Marketingschein und tatsächlichem Inhalt zu unterscheiden.
Die Alternative zur Alternative: Selbstgemachte Mandelmilch
Wer wirklich ein natürliches Produkt ohne Zusatzstoffe möchte, kann Mandelmilch selbst herstellen. Die Zubereitung ist denkbar einfach: Mandeln über Nacht einweichen, am nächsten Tag mit frischem Wasser mixen und die Flüssigkeit durch ein feines Sieb oder ein sauberes Tuch abseihen. Fertig ist die echte, natürliche Mandelmilch ohne jegliche Zusätze.
Der Unterschied im Geschmack ist deutlich spürbar. Zwar fehlt die monatelange Haltbarkeit der Industrieprodukte, dafür erhält man ein Lebensmittel ohne Kompromisse. Die selbstgemachte Variante enthält tatsächlich nur Mandeln und Wasser – genau das, was viele Verbraucher erwarten, wenn sie zur Flasche im Supermarkt greifen.
Praktische Tipps für die Eigenherstellung
Für etwa einen Liter Mandelmilch benötigen Sie eine Tasse rohe Mandeln und drei bis vier Tassen Wasser. Nach dem Einweichen über Nacht werden die Mandeln abgespült und mit frischem Wasser im Mixer püriert. Das Filtern durch ein Nussmilchtuch oder einen feinen Stoffbeutel trennt die Flüssigkeit von den Feststoffen. Die übrig bleibenden Mandelreste müssen nicht weggeworfen werden – sie eignen sich hervorragend zum Backen oder als Zutat für Müsli.
Die Beliebtheit von Mandelmilch ist verständlich – für Menschen mit Laktoseintoleranz, Veganer oder einfach alle, die Abwechslung suchen, kann sie eine willkommene Option sein. Problematisch wird es jedoch, wenn Marketingversprechen Erwartungen wecken, die das Produkt nicht erfüllen kann. Ein bewusster, informierter Umgang mit Werbebotschaften und ein prüfender Blick auf Zutatenliste und Nährwerttabelle helfen dabei, nicht auf überzogene Gesundheitsversprechen hereinzufallen. Mandelmilch ist weder Wundermittel noch Superfood – sondern ein verarbeitetes Lebensmittel, das wie jedes andere kritisch betrachtet werden sollte.
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