Ihr Vollkornbrot legt tausende Kilometer zurück, bevor es im Regal liegt: Was Supermärkte Ihnen nicht verraten müssen

Wer beim Einkauf im Supermarkt bewusst zu Vollkornbrot greift, trifft oft eine Entscheidung für regionale Qualität und nachhaltige Ernährung. Doch die Aufschrift „Hergestellt in Deutschland“ auf der Verpackung vermittelt eine Transparenz, die nicht immer der Realität entspricht. Zwischen Produktionsort und tatsächlicher Herkunft der Rohstoffe klafft manchmal eine Lücke, die viele gesundheitsbewusste Käufer nicht kennen. Das Getreide in deutschem Vollkornbrot kann aus Osteuropa, Kasachstan oder sogar Übersee stammen, während auf der Verpackung Deutschland prangt.

Was die Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln wirklich bedeutet

Das deutsche Lebensmittelrecht erlaubt Herstellern, „Hergestellt in Deutschland“ auf ihre Produkte zu drucken, wenn die letzte wesentliche Verarbeitung hier stattgefunden hat. Das bedeutet konkret: Solange das Brot in einer deutschen Bäckerei oder Produktionsstätte gebacken wird, darf diese Angabe verwendet werden. Seit dem 1. April 2020 gibt es allerdings eine wichtige Regelung, die für mehr Durchblick sorgen soll.

Die EU-Durchführungsverordnung 2018/775 schreibt verbindlich vor: Wenn ein Hersteller auf der Verpackung eine Herkunftsangabe macht und die Hauptzutat eine andere Herkunft hat, muss er dies kennzeichnen. Diese Regelung schafft einen Rahmen für mehr Transparenz, allerdings nur dann, wenn überhaupt eine Herkunftsangabe gemacht wird. Hersteller, die komplett auf Herkunftshinweise verzichten, müssen auch die Rohstoffherkunft nicht angeben.

Besonders für Käufer, die davon ausgehen, mit ihrer Kaufentscheidung lokale Landwirtschaft und kurze Transportwege zu unterstützen, ist diese Unterscheidung wichtig. Die Körner legen mitunter tausende Kilometer zurück, bevor sie in deutschen Industriebacköfen zu Brot verarbeitet werden. Ob diese Information auf der Verpackung steht, hängt davon ab, ob der Hersteller überhaupt mit deutscher Herkunft wirbt.

Warum gerade ernährungsbewusste Käufer genauer hinsehen sollten

Menschen, die auf ihre Ernährung achten und gezielt zu Vollkornprodukten greifen, verfolgen meist klare Ziele: mehr Ballaststoffe, bessere Nährstoffversorgung, stabilerer Blutzuckerspiegel. Doch zur gesunden Ernährung gehört für viele auch die Qualität und Herkunft der Zutaten. Wer bewusst einkauft, möchte wissen, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert wurden.

Nach den Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuches enthält Vollkornmehl die gesamten Bestandteile der gereinigten Getreidekörner einschließlich des Keimlings. Die Körner können lediglich von der äußeren Fruchtschale befreit sein. Für Vollkornbrot gilt als Orientierung, dass mindestens 90 Prozent des Getreides Vollkorn sein sollten, wobei diese Regel aus unverbindlichen Leitsätzen stammt und nicht gesetzlich vorgeschrieben ist.

Die Herkunft des Getreides kann dennoch relevant sein für die informierte Kaufentscheidung. Während einige Käufer gezielt nach Bioprodukten mit nachvollziehbarer Lieferkette suchen, verlassen sich andere auf die Deutschland-Angabe. Sie gehen davon aus, ein Produkt mit kontrollierten Anbaubedingungen zu erwerben, obwohl die Standards im Herkunftsland der Rohstoffe möglicherweise von deutschen Richtlinien abweichen.

Unterschiede in Anbaustandards und Kontrolldichte

Die Herkunft des Getreides kann direkte Auswirkungen auf die Produktqualität haben. In verschiedenen Ländern gelten unterschiedliche Vorschriften für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, Düngemitteln und anderen Agrochemikalien. Was in Deutschland strengen Kontrollen unterliegt, kann in anderen Regionen anders gehandhabt werden. Selbst innerhalb der Europäischen Union gibt es Unterschiede in der Kontrolldichte und Umsetzung von Richtlinien.

Für ernährungsbewusste Verbraucher, die Vollkornprodukte wegen ihres hohen Nährstoffgehalts schätzen, kann diese Information relevant sein: Vollkornmehl enthält alle Bestandteile des Getreidekorns, einschließlich der Randschichten. Gerade dort können sich Rückstände von Pflanzenschutzmitteln konzentrieren, falls diese beim Anbau eingesetzt wurden. Die Frage nach der Herkunft ist für manche Käufer daher eine Frage der Produktauswahl und persönlichen Präferenz.

So finden Sie Informationen zur Getreideherkunft

Es gibt durchaus Möglichkeiten, mehr über die Rohstoffe zu erfahren und herauszufinden, woher das Getreide tatsächlich stammt. Dies erfordert jedoch Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Einige Hersteller geben freiwillig die Herkunft des Getreides an, meist dann, wenn es sich um eine echte regionale Wertschöpfungskette handelt. Achten Sie auf konkrete Angaben wie „Roggen aus deutschem Anbau“ oder „Weizen von Vertragsbauern aus der Region“. Solche Zusätze deuten auf bewusste Transparenz hin.

Wenn ein Hersteller mit deutscher Herstellung wirbt und die Hauptzutat eine andere Herkunft hat, ist er seit April 2020 verpflichtet, dies anzugeben. Fehlt eine solche Kennzeichnung trotz Herkunftswerbung, kann dies einen Verstoß gegen geltendes Recht darstellen. Bei Unsicherheiten können Verbraucher direkt beim Hersteller nachfragen oder sich an Verbraucherzentralen wenden.

Regionale Siegel und Zertifizierungen als Orientierung

Verschiedene Qualitätssiegel gehen über die Mindestanforderungen hinaus und garantieren tatsächlich regionale Herkunft. Achten Sie auf Zertifikate, die explizit die Herkunft der Rohstoffe einbeziehen und nicht nur den Produktionsort berücksichtigen. Solche Siegel unterliegen unabhängigen Kontrollen und bieten echte Orientierung beim Einkauf.

Besonders bei Bioprodukten lohnt sich der Blick auf das konkrete Zertifikat. Während das allgemeine Bio-Siegel keine Aussage über die geografische Herkunft macht, gehen spezielle Verbände oft weiter und verpflichten ihre Mitglieder zu regionalen Rohstoffquellen oder machen diese zumindest transparent. Wer also echte Regionalität sucht, sollte nicht nur auf „bio“ achten, sondern auch auf die konkreten Verbandsrichtlinien.

Die Folgen für Nachhaltigkeit und Klimabilanz

Wenn Getreide tausende Kilometer transportiert wird, bevor es zu Brot verarbeitet wird, hat dies erhebliche ökologische Konsequenzen. Der CO2-Fußabdruck eines solchen Produkts unterscheidet sich fundamental von echten regionalen Alternativen. Verbraucher, die aus Klimaschutzgründen zu vermeintlich lokalem Vollkornbrot greifen, sollten daher auf entsprechende Kennzeichnungen achten.

Darüber hinaus kann die Bevorzugung günstiger Importware die heimische Landwirtschaft unter Druck setzen. Wenn Verarbeiter auf Importgetreide setzen, während sie gleichzeitig mit deutscher Herstellung werben, können lokale Getreidebauern wirtschaftlich benachteiligt werden. Transparente Kennzeichnung hilft Verbrauchern, bewusste Entscheidungen zu treffen und mit ihrem Einkaufsverhalten heimische Erzeuger zu unterstützen.

Praktische Alternativen für bewusste Käufer

Wer Wert auf echte Transparenz legt, hat mehrere Optionen. Der Einkauf beim lokalen Bäcker, der sein Getreide direkt von regionalen Mühlen bezieht, bietet oft die beste Nachvollziehbarkeit. Ein persönliches Gespräch kann schnell klären, woher die Rohstoffe stammen, eine Frage, die seriöse Handwerksbäcker gerne und detailliert beantworten.

Auch Wochenmärkte und Direktvermarkter sind gute Anlaufstellen. Hier lassen sich Lieferketten oft bis zum Acker zurückverfolgen. Selbst im Supermarkt gibt es Unterschiede: Manche Ketten haben eigene Regionallinien aufgebaut, die strengere Kriterien erfüllen als die gesetzlichen Mindestanforderungen. Diese Produkte sind zwar manchmal etwas teurer, bieten dafür aber echte Transparenz.

Kritisches Nachfragen schafft Bewusstsein

Verbrauchermacht entsteht durch Nachfrage und Transparenzforderungen. Wenn Kunden gezielt nach der Getreideherkunft fragen, beim Bäcker, an Servicehotlines oder über soziale Medien, erhöht dies das Bewusstsein für das Thema. Unternehmen reagieren auf Marktbedürfnisse, besonders wenn diese deutlich artikuliert werden. Jede Nachfrage signalisiert: Dieses Thema ist Verbrauchern wichtig.

Immer mehr Verbraucherorganisationen setzen sich für klarere Kennzeichnungen ein. Die bestehende Regelung zur Herkunftskennzeichnung von Primärzutaten ist ein wichtiger Schritt, könnte aber konsequenter umgesetzt und kontrolliert werden. Verbraucherschutzorganisationen dokumentieren Verstöße und tragen so zur Durchsetzung der geltenden Vorschriften bei. Ihre Arbeit zeigt Wirkung, wenn Verbraucher sich an sie wenden und Produkte melden, bei denen die Kennzeichnung fragwürdig erscheint.

Die Frage nach der Getreideherkunft bei Vollkornbrot betrifft Transparenz, Vertrauen und nachhaltige Kaufentscheidungen. Für gesundheits- und umweltbewusste Käufer bedeutet dies: Genau hinsehen, die bestehenden Kennzeichnungspflichten kennen und bei Bedarf nachfragen. Informierte Verbraucher können durch ihr Kaufverhalten Signale setzen und zur Weiterentwicklung von Transparenzstandards beitragen. Wer beim nächsten Einkauf nicht nur auf „Hergestellt in Deutschland“ achtet, sondern gezielt nach der Rohstoffherkunft fragt, macht bereits den ersten Schritt zu bewussterem Konsum.

Achtest du beim Brotkauf auf die Getreideherkunft?
Ja immer sehr genau
Manchmal schon
Nur bei Bio
Nein ehrlich gesagt nicht
Wusste nicht dass es wichtig ist

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