Wer regelmäßig Google Maps nutzt, hat vermutlich keine Ahnung, welche detaillierte Datensammlung im Hintergrund entsteht. Die Zeitachse – oder Timeline, wie Google sie nennt – protokolliert akribisch jeden Ort, den du mit deinem Smartphone besucht hast. Dabei handelt es sich nicht um eine vage Sammlung von Städtenamen, sondern um präzise Aufzeichnungen inklusive Datum, Uhrzeit, zurückgelegter Strecke und sogar der verwendeten Fortbewegungsmittel. Diese Informationen können problemlos mehrere Jahre zurückreichen und zeichnen ein erschreckend genaues Bild deines Alltags.
Was steckt wirklich hinter der Google Maps Zeitachse?
Die Timeline-Funktion ist deutlich mehr als ein simples Protokoll deiner Bewegungen. Google nutzt diese Daten für ein ganzes Ökosystem personalisierter Dienste. Restaurantempfehlungen basieren auf deinen bisherigen Besuchen, Verkehrsprognosen werden anhand deiner typischen Routen optimiert und sogar Werbeanzeigen werden auf Grundlage deiner Aufenthaltsorte ausgespielt. Der Algorithmus lernt deine Gewohnheiten kennen – wann fährst du zur Arbeit, welche Geschäfte bevorzugst du, wo verbringst du deine Wochenenden?
Technisch gesehen greift Google auf mehrere Datenquellen zu: GPS-Signale, WLAN-Netzwerke in deiner Umgebung, Mobilfunkmasten und sogar Bluetooth-Verbindungen helfen dabei, deinen Standort zu triangulieren. Diese Ortungsmethoden funktionieren selbst dann, wenn du die Maps-App gar nicht aktiv geöffnet hast. Die Datensammlung läuft im Hintergrund, sobald der Standortverlauf aktiviert ist. Das bedeutet auch, dass dein Smartphone permanent Informationen sendet, ohne dass du aktiv etwas tun musst.
Zusätzlich zur Timeline gibt es noch eine weitere Datenquelle: die sogenannten Web- und App-Aktivitäten. Hierbei speichert Google nicht nur besuchte Orte, sondern auch alle Suchanfragen in der App – inklusive verknüpfter Standortinformationen. Jeder Ort, den du mal in der App eingegeben hast, kann akribisch gespeichert werden und war standardmäßig bis zu 18 Monate lang abrufbar.
Wie synchronisiert Google diese sensiblen Informationen?
Lange Zeit erfolgte die Synchronisation nahtlos über alle Geräte hinweg, auf denen du mit deinem Google-Konto angemeldet warst. Besuchtest du einen Ort mit deinem Android-Smartphone, erschien dieser wenige Sekunden später auch in der Timeline deines Tablets oder im Webbrowser deines Laptops. Google speicherte diese Daten zentral auf seinen Servern und ermöglichte so einen geräteübergreifenden Zugriff.
Google hat allerdings eine bedeutende Änderung eingeführt, die am 18. Mai 2025 endgültig in Kraft tritt: Neue Standortdaten werden standardmäßig verschlüsselt direkt auf dem Gerät gespeichert, nicht mehr automatisch in der Cloud. Diese Umstellung erfolgte als Reaktion auf wachsende Datenschutzbedenken und rechtliche Herausforderungen. Nutzer hatten bis zu diesem Stichtag Zeit, ihre historischen Daten zu sichern oder zu löschen. Der historische Verlauf, der vor dieser Änderung in der Cloud gespeichert wurde, bleibt weiterhin auf Googles Servern, sofern du ihn nicht manuell löschst oder auf dein Gerät überträgst.
Welche Vorteile bietet die Timeline tatsächlich?
Fairerweise muss man sagen, dass die Funktion durchaus praktische Anwendungsfälle hat. Manche Nutzer schwören darauf, vergangene Reisen Revue passieren zu lassen oder sich an den Namen eines Restaurants zu erinnern, das sie vor Monaten besucht haben. Für Selbstständige kann die Timeline als Fahrtenbuch dienen, sofern sie die rechtlichen Anforderungen erfüllt.
Die personalisierten Empfehlungen basieren auf echten Verhaltensmustern statt auf generischen Algorithmen. Wenn Google weiß, dass du jeden Samstagmorgen zum Bio-Markt fährst, kann die App dich bei ungewöhnlichem Verkehrsaufkommen rechtzeitig warnen und alternative Routen vorschlagen. Manche Menschen schätzen diese Form der digitalen Erinnerungshilfe, die ihnen hilft, den Überblick über ihre Aktivitäten zu behalten.
Die versteckten Risiken dieser Datensammlung
Die andere Seite der Medaille ist weniger rosig. Wer unbefugten Zugriff auf dein Google-Konto erhält, könnte ein erschreckend präzises Bewegungsprofil von dir erstellen. Besonders kritisch sind rechtliche Auseinandersetzungen: Google kann deine Daten auch Behörden offenlegen, wenn diese das gut begründen. Allein in Deutschland wurden im zweiten Halbjahr 2019 über 11.000 Anfragen zur Offenlegung von Nutzerdaten gestellt, in rund 70 Prozent der Fälle mit Erfolg.
Auch bei Scheidungen oder Sorgerechtsstreitigkeiten können solche Daten eine unerwartete Rolle spielen. Die Information, wo du dich zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten hast, mag harmlos erscheinen – bis sie in den falschen Kontext gerückt wird. Eindeutig nicht zu empfehlen ist dieses Feature für Menschen, die jetzt oder in Zukunft verfolgt werden könnten, sei es durch Stalking oder andere Formen der Bedrohung. Selbst wenn du nichts zu verbergen hast, kann die schiere Detailtiefe dieser Aufzeichnungen zum Problem werden.

So behältst du die Kontrolle über deine Standortdaten
Die gute Nachricht: Du musst die Timeline nicht akzeptieren, wie sie ist. Google bietet mehrere Kontrollmöglichkeiten, die allerdings tief in den Einstellungen vergraben sind. Es lohnt sich, ein paar Minuten zu investieren, um deine Privatsphäre besser zu schützen.
Standortverlauf komplett deaktivieren
Öffne die Google Maps App und tippe auf dein Profilbild. Navigiere zu Deine Zeitachse und dann zu den Einstellungen. Hier findest du die Option Standortverlauf ist aktiviert – deaktiviere diesen Schalter. Beachte, dass dies nur zukünftige Aufzeichnungen verhindert. Bereits gesammelte Daten bleiben erhalten, bis du sie aktiv löschst.
Automatische Löschung einrichten
Eine clevere Mittelweg-Lösung ist die automatische Löschung nach einem bestimmten Zeitraum. Mit der neuen Regelung hat Google die standardmäßige Aufbewahrungsdauer auf 3 Monate reduziert. Du kannst jedoch wählen zwischen 3, 18 oder 36 Monaten – oder die Daten unbegrenzt aufbewahren. Google löscht dann automatisch alle Einträge, die älter sind als der gewählte Zeitraum. Diese Option findest du in den Timeline-Einstellungen unter Standortverlauf automatisch löschen. Für die meisten Nutzer ist die 3-Monats-Option ein vernünftiger Kompromiss zwischen Funktionalität und Datenschutz.
Manuelle Bereinigung einzelner Einträge
Du möchtest nur bestimmte Orte oder Zeiträume entfernen? Öffne die Zeitachse, wähle den entsprechenden Tag aus und tippe auf das Papierkorb-Symbol. Du kannst einzelne Orte, ganze Tage oder auch komplett individuelle Zeiträume löschen. Diese Löschung ist endgültig und kann nicht rückgängig gemacht werden. Besonders sensible Besuche – etwa bei Ärzten oder in bestimmten Stadtvierteln – lassen sich so gezielt aus deiner Historie entfernen.
Die neue lokale Speicherung verstehen
Die Umstellung auf lokale Speicherung hat Konsequenzen, die vielen Nutzern nicht bewusst sind. Wenn deine Timeline-Daten nur noch auf deinem Smartphone liegen, verlierst du sie bei einem Gerätewechsel oder -verlust – es sei denn, du erstellst manuell ein verschlüsseltes Backup. Du musst dich selbst um die Sicherung dieser Daten kümmern. Wenn die Sicherung aktiviert ist, kannst du deine Daten auf einem anderen Gerät importieren, auch wenn dein Gerät verloren geht oder beschädigt wird.
Beim Sichern der Zeitachsendaten wird eine verschlüsselte Kopie deiner Daten auf den Google-Servern gespeichert. Der Nachteil: Die geräteübergreifende Synchronisation funktioniert nicht mehr wie gewohnt. Deine Timeline ist dann nur noch auf dem Gerät verfügbar, mit dem du die entsprechenden Orte besucht hast. Wer mehrere Geräte nutzt, muss sich umgewöhnen oder aktiv Backups verwalten.
Alternativen für bewusste Nutzer
Wer grundsätzlich auf Standortverfolgung verzichten möchte, kann auf Open-Source-Alternativen wie OsmAnd oder Organic Maps zurückgreifen. Diese nutzen OpenStreetMap-Daten und kommen komplett ohne Tracking aus. Der Preis dafür sind weniger aktuelle Verkehrsinformationen und keine personalisierten Empfehlungen. Für viele Nutzer, die primär Navigation brauchen, reicht das aber vollkommen aus.
Eine andere Strategie ist die Nutzung des Inkognito-Modus in Google Maps. Aktiviere ihn über dein Profilbild – in diesem Modus werden deine Suchanfragen und besuchten Orte nicht gespeichert. Allerdings funktionieren dann auch keine personalisierten Funktionen mehr. Der Inkognito-Modus eignet sich besonders für Situationen, in denen du gezielt keine Spuren hinterlassen möchtest.
Die Timeline-Funktion zeigt exemplarisch, wie moderne Technologie zwischen Komfort und Privatsphäre balanciert. Jeder Nutzer muss für sich entscheiden, wo die persönliche Grenze verläuft. Mit dem richtigen Wissen über die verfügbaren Einstellungen kannst du diese Grenze selbst ziehen, statt sie von Googles Standardeinstellungen vorgeben zu lassen. Ein regelmäßiger Check der Datenschutzeinstellungen – nicht nur bei Maps, sondern im gesamten Google-Konto – gehört zur digitalen Hygiene wie das regelmäßige Ändern wichtiger Passwörter. Nimm dir einmal im Quartal zehn Minuten Zeit, um zu überprüfen, welche Daten gespeichert werden und ob du damit noch einverstanden bist.
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