Hafermilch hat sich in den vergangenen Jahren vom Nischenprodukt zum Supermarkt-Dauerbrenner entwickelt. Der Pro-Kopf-Absatz von Milchersatzprodukten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel verdoppelte sich zwischen 2018 und 2022. Zwischen 2020 und 2023 stieg der Absatz von pflanzlicher Milch in Deutschland sogar um etwa 85 Prozent. Besonders bei Rabattaktionen greifen Verbraucher gerne zu, schließlich lockt die Kombination aus niedrigem Preis und dem Image eines gesunden, umweltfreundlichen Produkts. Doch gerade bei Sonderangeboten sollten Verbraucher besonders aufmerksam sein und einen genaueren Blick auf die tatsächliche Produktqualität werfen.
Wie Hafermilch den Markt eroberte
Die Erfolgsgeschichte zeigt sich eindrucksvoll in den Zahlen: Hafermilch dominiert den Markt der pflanzlichen Alternativen. Im Jahr 2022 machte Hafermilch 56 Prozent des Gesamtumsatzes an Milchersatzprodukten aus. Bis 2024 stieg dieser Marktanteil nach Verkaufsmenge sogar auf etwa 70 Prozent. Pflanzendrinks insgesamt machen mittlerweile 14 Prozent der gesamten Milchmenge im deutschen Lebensmitteleinzelhandel aus. Parallel dazu ist der Verbrauch konventioneller Kuhmilch deutlich rückläufig: Er sank von 54 Litern pro Kopf im Jahr 2000 auf knapp 44,8 Liter pro Kopf im Jahr 2022, den niedrigsten Wert seit 1991.
Besonders beliebt ist Hafermilch bei jungen Verbrauchern. Analysen von Haushaltsbefragungen zeigen, dass vor allem Menschen in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren, Singles, Paare ohne Kinder und junge Familien Pflanzendrinks gegenüber aufgeschlossen sind. Diese Zielgruppe schätzt nicht nur den Geschmack, sondern auch das Image eines modernen, bewussten Lebensmittels.
Wenn grünes Marketing die Realität verschleiert
Auf den Verpackungen prangen grüne Wiesen, glückliche Haferähren und Begriffe wie „klimafreundlich“, „pflanzlich“ oder „nachhaltig“. Diese Botschaften suggerieren automatisch, dass der Kauf einer solchen Hafermilch eine bewusste Entscheidung für Umwelt und Gesundheit darstellt. Doch ein genauer Blick auf die Zutatenliste zeigt häufig ein anderes Bild: Neben Hafer und Wasser finden sich Pflanzenöle, zugesetzte Zucker, Stabilisatoren und Aromen. Diese Zusätze haben meist wenig mit dem naturbelassenen Image zu tun, das die Werbung vermittelt.
Besonders problematisch wird es, wenn Hersteller bei Aktionsware zu minderwertigen Rezepturen greifen. Während die teureren Varianten im Sortiment tatsächlich einen höheren Haferanteil aufweisen, enthalten die rabattierten Produkte oft mehr Wasser und Zusatzstoffe. Verbraucher zahlen zwar weniger, erhalten aber auch deutlich weniger Qualität, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar wäre.
Die Trickkiste der Produktaufmachung
Die Aufmachung von Hafermilchprodukten folgt einem cleveren Muster. Naturfarben dominieren das Design, ergänzt durch Siegel und Badges, die Assoziationen zu Qualität und Verantwortung wecken. Dabei sind nicht alle dieser Kennzeichnungen tatsächlich aussagekräftig oder von unabhängigen Stellen geprüft. Begriffe wie „natürlich“, „bewusst“ oder „aus bestem Hafer“ klingen gut, sind aber rechtlich kaum geschützt und bedeuten in der Praxis wenig. Ein Produkt kann als „natürlich“ beworben werden, obwohl es industriell hochverarbeitete Zutaten enthält. Die Formulierung „aus bestem Hafer“ sagt nichts über den tatsächlichen Haferanteil aus, der bei verschiedenen Produkten stark variieren kann.
Wie Nährwertangaben in die Irre führen
Auch bei den Nährwertangaben sollten Verbraucher genau hinschauen. Manche Hersteller reichern ihre Produkte künstlich mit Vitaminen und Mineralstoffen an und bewerben dies prominent auf der Vorderseite. Was zunächst nach einem Mehrwert aussieht, kann auch eine Ablenkung von der ansonsten mittelmäßigen Zusammensetzung sein. Zudem stammen diese Zusätze häufig aus synthetischer Herstellung, was dem natürlichen Image widerspricht.
Wenn der Rabatt zum Warnsignal wird
Rabattaktionen bei Hafermilch sind mittlerweile allgegenwärtig. Doch während Verbraucher sich über günstige Preise freuen, sollten sie sich fragen: Warum ist gerade dieses Produkt so häufig reduziert? In vielen Fällen liegt der Grund darin, dass die Herstellungskosten deutlich niedriger sind als bei qualitativ hochwertigeren Alternativen. Weniger Hafer, mehr Wasser, günstigere Zusatzstoffe – so lässt sich auch bei reduzierten Preisen noch eine ordentliche Gewinnmarge erzielen.

Ein weiterer Aspekt: Manche Produkte werden gezielt mit hohen Ursprungspreisen in den Markt eingeführt, um anschließend permanent im Angebot zu sein. Der vermeintliche Rabatt von 30 oder 40 Prozent suggeriert ein Schnäppchen, doch tatsächlich entspricht der Aktionspreis eher dem realen Wert des Produkts. Diese Strategie ist nicht illegal, aber sie spielt mit der Psychologie der Käufer, die glauben, ein besonders gutes Geschäft zu machen.
Der Mythos von der automatischen Gesundheit
Pflanzliche Milchalternativen genießen generell einen Gesundheitsbonus in der Wahrnehmung vieler Verbraucher. Doch nicht jede Hafermilch ist automatisch die gesündere Wahl. Einige Produkte enthalten überraschend viel Zucker. Dieser stammt teils aus dem Produktionsprozess, bei dem Stärke enzymatisch in Zucker umgewandelt wird, teils wird er aber auch schlicht zugesetzt. Hinzu kommt die Verwendung von Pflanzenölen. Während Rapsöl oder Sonnenblumenöl für sich genommen nicht problematisch sind, erhöhen sie den Kaloriengehalt deutlich. Ein Produkt, das als leichte Alternative zu Kuhmilch beworben wird, kann dadurch ähnliche oder sogar höhere Kalorienwerte aufweisen.
Worauf es beim Einkauf wirklich ankommt
Um nicht auf täuschende Werbeversprechen hereinzufallen, lohnt sich ein strukturierter Blick auf verschiedene Produktmerkmale. Die Zutatenliste ist nach Mengenanteilen sortiert. Steht Hafer an erster Stelle und folgen nur wenige weitere Zutaten wie Wasser, Salz und vielleicht ein Stabilisator, deutet dies auf ein qualitativ hochwertiges Produkt hin. Erscheinen dagegen schon nach Hafer und Wasser mehrere Öle, Zucker und verschiedene Zusatzstoffe, sollte man skeptisch werden, auch wenn die Verpackung mit Nachhaltigkeitsversprechen wirbt.
Der Haferanteil als Qualitätsindikator
Manche Hersteller geben den Haferanteil freiwillig an. Werte um die zwölf bis 15 Prozent gelten als durchschnittlich, hochwertigere Produkte liegen darüber. Fehlt diese Angabe komplett, ist das ein Hinweis darauf, dass der Anteil möglicherweise niedrig ist, sonst würde der Hersteller damit werben. Zucker versteckt sich unter zahlreichen Bezeichnungen: Maltodextrin, Glucose, Fructose, Reissirup oder Agavendicksaft sind nur einige Beispiele. Die Summe all dieser Zutaten ergibt den tatsächlichen Zuckergehalt, der in der Nährwerttabelle ausgewiesen sein muss. Werte über fünf Gramm pro 100 Milliliter sollten kritisch hinterfragt werden, besonders wenn das Produkt als „ungesüßt“ oder „ohne Zuckerzusatz“ beworben wird.
Die Umweltbilanz hinter den Versprechen
Hafermilch wird oft als klimafreundliche Alternative beworben. Die Herkunft des Hafers spielt dabei eine wichtige Rolle: Europäischer Anbau ist unter Umweltgesichtspunkten günstiger als importierte Rohstoffe. Leider finden sich auf vielen Verpackungen keine Angaben zur Herkunft. Produkte, die damit werben, nutzen dies meist als Verkaufsargument. Fehlt dieser Hinweis, stammt der Hafer vermutlich nicht aus regionaler Produktion. Auch die Verpackung selbst sollte in die Bewertung einfließen. Tetra-Paks sind zwar weit verbreitet, aber im Recycling aufwendig. Glasflaschen oder Mehrwegsysteme wären ökologisch sinnvoller, sind aber seltener zu finden.
Bewusster Konsum statt blindem Vertrauen
Verbraucher sind den Marketingtricks nicht hilflos ausgeliefert. Mit etwas Übung lassen sich hochwertige Produkte von cleverer Vermarktung unterscheiden. Der Griff zu Bio-Produkten kann helfen, da hier zumindest die Verwendung bestimmter Zusatzstoffe eingeschränkt ist. Allerdings ist auch Bio keine Garantie für einen hohen Haferanteil oder wenig Zucker. Online-Portale von Verbraucherzentralen bieten mittlerweile umfangreiche Datenbanken zu Lebensmitteltäuschungen. Dort werden konkrete Produkte analysiert und Werbeversprechen mit der tatsächlichen Zusammensetzung verglichen.
Ein niedriger Preis bei gleichzeitig großen Versprechungen sollte immer ein Anlass sein, genauer hinzuschauen. Qualität hat ihren Preis, und wer wirklich nachhaltige und hochwertige Hafermilch möchte, wird diese selten zum Schnäppchenpreis finden. Das bedeutet nicht, dass teurere Produkte automatisch besser sind, aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Der kritische Blick auf Zutatenliste, Nährwerte und Herkunftsangaben bleibt in jedem Fall unverzichtbar, um fundierte Kaufentscheidungen zu treffen und nicht auf das grüne Marketing hereinzufallen, das längst zur Routine geworden ist.
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